REZENSION

Tom Shippey: Roots and Branches: Selected Papers on Tolkien
Cormarë Series No. 11. Zürich/Bern: Walking Tree Publishers, 2007, 418 Seiten

Thomas Alan Shippey ist der vielleicht bekannteste und renommierteste Tolkien-Experte; »The Road to Middle-earth« (1982, dritte erweiterte Auflage 2003) und »Author of the Century« (2000) sind Standardwerke.

Shippeys Lebenslauf weist interessante Parallelen zu dem Tolkiens auf, auf die er selber gerne hinweist. Wie Tolkien besuchte er die King Edward’s School, spielte Rugby bei den Old Edwardians, lehrte in Oxford und auf Tolkiens altem Lehrstuhl in Leeds. Wie Tolkien veröffentlichte er Bücher zu altenglischer Poesie (1972) und zu Beowulf (1978), und wie Tolkien schrieb er Romane: Gemeinsam mit SF-Altmeister Harry Harrisson (Stahlratten-Zyklus; »Make Room! Make Room!«, verfilmt als »Soylent Green«) veröffentlichte er unter dem Pseudonym John Holm die Alternativ-Welten-/Fantasy-Trilogie »Hammer and the Cross« (1993/97, dt. 2001/02). Er gab zudem zwei Bücher mit SF- und Fantasy-Stories heraus (1992 und 1994).

Seit einigen Jahren lehrt Shippey an der privaten katholischen Jesuiten-Universität Saint Louis University in Missouri/USA (Motto: »Ad Majorem Dei Gloriam«, »Zur größeren Ehre Gottes«); seine Lehrgebiete sind »Medieval Literature, Old English Arthurian and Romance Literature, Fantasy, Science Fiction«. Entsprechend weit ist das Themenspektrum von Shippeys Veröffentlichungen: Er schreibt über Beowulf, Arthus und und Robin Hood, über Chaucer, Kippling, Richard Wagner und Jacob Grimm, über »Alternate Historians« wie Harry Harrison und ihn selbst, über Kingsley Amis, Jack Vance, zeitgenössische Science Fiction und galaktische Helden … und immer wieder natürlich über Sprachwissenschaft, Literatur – und über Tolkien.

Von Shippeys sechs Sachbüchern beschäftigen sich alleine drei mit Tolkien, darunter das hier zu besprechende. Die anderen beiden wurden schon erwähnt; beide sind Monographien zu Tolkien und dessen Werk. Doch Shippey hat auch darüber hinaus viel zu Tolkien veröffentlicht. Von den über 70 Artikeln, die er seit 1969 verfasst hat, beschäftigen sich etwa 20 mehr oder weniger mit Tolkien.

Ärgerlicherweise war bisher an viele dieser Texte nicht mehr oder kaum noch heranzukommen, sei es, weil die Bücher, in denen sie erschienen, vergriffen sind, sei es, weil sie in Zeitschriften veröffentlicht wurden, die bestenfalls noch über Bibliotheken einzusehen sind. Diesem Mangel hat »Walking Tree Publishers« nun abgeholfen.

Zum seinem 10-jährigen Jubiläum legt der Schweizer Verlag mit »Roots and Branches« eine Sammlung von Shippeys Artikeln und Essays vor, die für alle Tolkien-Interessierten, die des Englischen mächtig sind, lesenswert sein dürfte.

Die 23 Texte aus den letzten 25 Jahren sind in diesem Buch sinnvollerweise nicht chronologisch, sondern inhaltlich sortiert, in vier Hauptblöcke. »The Roots: Tolkien and his Predecessors« umfasst sieben Artikel, in denen Shippey sich u. a. mit Beowulf, der Edda, dem Kalevala, Gawain, Richard Wagner, Gothen, Hunnen und dem Nationalismus auseinandersetzt. In der zweiten Abteilung, »Heartwood: Tolkien and Scholarship«, geht es in vier Texten vor allem um Philologie und in einem fünften Artikel um eine Einschätzung von Tolkiens wissenschaftlicher Reputation. Der dritte Teil beschäftigt sich vor allem mit Tolkiens Hauptwerk, »The Trunk: The Lord of the Rings, The Silmarillion«. In den sechs Texten geht es u. a. um »Tolkien’s Elvish Problem« und »Orcs, Wraith, Wights«, aber auch um allgemeinere Themen wie das Böse und Heroismus sowie um Tolkiens Gedichte und Poesie. Im letzten, kürzesten Block schließlich, betitelt »Twigs and Branches: Minor Works by Tolkien«, betrachtet Shippey in vier Texten »The Homecoming of Beornoth«, »The Hoard«, »Smith of Wootton Major« und »Mr Bliss« und im einem letzten Artikel Jacksons Filmtrilogie als »Another Road in Middle-earth«. Ergänzt wird das Buch durch ein kurzes Vorwort des Autors, ein ausführliches Literaturverzeichnis und ein großzügiges Register.

Ist dieses Buch nützlich und lesenswert für Leute, die noch wenig von Shippey kennen, vielleicht nur eine oder beide der Monographien zu Tolkien? Uneingeschränkt ja! Shippey breitet hier einen breiten Fächer an Themen und Ideen zu Tolkien aus, von denen manches schon mal woanders erwähnt oder erläutert sein mag, der aber in seiner Breite und Vielfalt seinesgleichen sucht. Man muss keineswegs immer mit Shippey übereinstimmen. Aber was er zu Tolkien zu sagen und zu schreiben hat, ist stets bedenkenswert, und sich mit seiner Meinung auseinanderzusetzen, lohnt in der Regel – und so auch dieses Buch.

Ist die Anschaffung aber auch sinnvoll für jene, die schon (fast) alles zu Tolkien und/oder von Shippey haben? Aber ja!

Mag sein, dass sich mehrere der neun Texte, die schon in Büchern erschienen sind (u. a. in den den Tolkien Studies 1, bei Chance, Clarke/Timmons und Zimbardio/Issacs), in der eigenen Bibliothek finden. Nur wenige aber dürften etwa »The Medieval Legacy. A Symposium«, erschienen 1982 in Odense, ihr eigen nennen. Aus diesem stammt der längste Text in »Roots and Branches«: »Goths and Huns: The Rediscovery of the Northern Cultures in the Nineteenth Century«. Alleine dieser Essay, in dem Shippey einen Bogen schlägt von Beowulf und der Edda über Jacob Grimm und Tolkien bis zu modernen Autoren wie Fletcher Pratt, ist in meinen Augen die Anschaffung des Buches wert. Der letzte Text der Sammlung, eine Kritik von Jacksons Verfilmung, ist bereits in zwei anderen Büchern erschienen, wurde von Shippey aber für diese Sammlung erweitert und überarbeitet.

Von den neun Artikeln, die in Zeitschriften erschienen sind, haben diejenigen, die »Lembas« (5 Artikel) oder »Amon Hen« (1) beziehen, evtl. schon einige in ihrer Sammlung – falls sie die alten Ausgaben archiviert haben. Die anderen drei Artikel erschienen im Journal der schwedischen Tolkien Gesellschaft, dem »Journal for the Fantastic in the Arts« – und der »Times«.

Besonders erfreulich ist, dass uns der Verlag und Shippey auch fünf bisher unveröffentlichte Texte präsentieren, Vorträge oder Vorlesungen von Shippey. Dabei geht es um Beowulf, um Tolkien und Wagner, um Philologie und um Poesie.

Das Buch ist gut lesbar und schön gestaltet; es ist stabil genug gebunden, um es mehr als einmal zu lesen und intensiv damit zu arbeiten. Für eine Neuauflage würde ich mir eine Ergänzung wünschen: eine Übersicht der Artikel, der auf einen Blick zu entnehmen wäre, wann welcher Text wo erschienen ist bzw. vorgetragen wurde.

Diese Sammlung dürfte für alle englisch verstehenden Tolkieninteressierten hoch interessant sein und sollte in keinem Bücherregal fehlen; sie dürfte sich zu einem Standardwerk entwickeln.

veröffentlicht in: Thomas Fornet-Ponse et. al.:
Hither Shore Band 4: »Tolkiens kleinere Werke«
Das Jahrbuch 2007 der Deutschen Tolkien Gesellschaft e.V.
Scriptorium Oxoniae, Düsseldorf, 2008

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