REZENSION

Henry Gee: The Science of Middle-Earth: Explaining the Science Behind the Greatest Fantasy Epic Ever Told!
New York: Cold Spring Harbor, 2004, 254 Seiten Friedhelm Schneidewind, 2006

Henry Gee hat sich einen Namen gemacht mit zahlreichen Artikeln und rund 20 Sachbüchern vor allem zu Paläo- und Evolutionsbiologie. Der promovierte Zoologe, geboren 1962 in London, Senior Editor for Biological Sciences der Zeitschrift Nature und zeitweise Professor für Evolutionsbiologie, veröffentlicht aber auch erfolgreiche „fiktionale Sachbücher“, so 2003 ein Bestimmungsbuch für Dinosaurier (A Field Guide to Dinosaurs, 2003). Dieses Buch ist im Wesentlichen eine Sammlung von Essays, die Gee in den letzten Jahren als science correspondent für www.TheOneRing.net verfasst hat. Es ist trotz einiger Schwächen im Detail unterhaltsam, spannend und lehrreich, eröffnet neue Blickwinkel auf Altvertrautes und regt zum Nachdenken an, zum Weiterdenken.

In seinem Vorwort weißt David Brin, preisgekrönter Science-Fiction-, Sach- und Drehbuchautor, auf Gees aufklärerischen Ansatz hin. Brin hält Mittelerde nämlich für antiaufklärerisch: Die Vergabe von Ämtern aufgrund von Abstammung, die geheime Pflege von Wissen statt dessen Verbreitung, die rückwärts gewandte Lebensweise in der Erinnerung an ein „Goldenes Zeitalter“, all dies sei nicht mit aufklärerischen Ideen vereinbar („romanticism celebrates mystery“, 10). Aber im Gegensatz zu vielen anderen Autoren sei Tolkien „deeply thoughtful, moral, decent and insightful“ (11), was ihm nicht nur Brins höchsten Respekt verschafft („I can think of no romantic who I respect more“, 11), sondern für Gee ein Hauptgrund ist, Tolkiens Welt wissenschaftlich zu untersuchen – trotz dessen gerne kolportierter Technik- und Wissenschaftsfeindlichkeit, trotz Tolkiens „horror of the reductionist program of modern science, in which the way to understand how a thing works is, first, to break it into pieces – a scheme that is explicitly damned as foolisch by Gandalf in his criticism of his rival Saruman“ (22 f.).

Denn, darauf weist Gee zu Recht hin, Tolkiens Einstellung zur Wissenschaft sei „not as simple as it first appears“. Ohne die Revolte der wissenschaftlich und technisch orientierten Noldor hätte es weder die Geschichte des Silmarillion noch den Ringkrieg gegeben. Tolkien wisse wohl zu unterscheiden: „… he prized science as the acquisition of knowledge. What he deplored was its use as an instrument of domination. […] Tolkiens point is not that knowledge is a bad thing of itself, but that it is perilous to acquire knowledge without either seeking to understand the context in which that knowledge must be placed or, recklessly, without counting the cost, and in these respects many scientists would agree. The interplay between discovery and responsibility – between creation and subcreation … – is a major theme in Tolkiens fiction … For this reason alone it is worth approaching The Lord of the Rings from a scientific viewpoint.“ (23) Und schließlich habe sich auch Tolkien selbst mit wissenschaftlichen Hintergründen seiner Welt beschäftigte, wie in der History of Middle-earth zu sehen.

Gee betont seinen aufklärerischen Anspruch mehrfach und will mit diesem Buch auch Menschen dazu bewegen, sich mit (Natur-)Wissenschaft auseinanderzusetzen. Denn eine Gesellschaft, in der die moderne Technologie von den meisten eher als eine Art Magie eingesetzt denn in ihrer Funktion verstanden werde, sei in ihrer Zukunftsfähigkeit gefährdet. Deshalb nutzt Gee immer wieder Objekte oder Ereignisse aus Tolkiens Werk, um daran abknüpfend wissenschaftliche Erkenntnisse zu vermitteln, besonders in der ersten Kapiteln. In „Space, Time, and Tolken“ vergleicht er Tolkiens Werk mit Science Fiction (die Tolkien durchaus kannte) und zeigt funktionelle Analogien auf – „Gandalf’s staff is functionaly equivalent to Obi-Wan Kenobi’s light saber, just as Vulcans and Klingons are Elves and Orcs recast …“ (25) –. um nach einem Überblick über Zeitreise bei Tolkien bei der Verantwortung der Wissenschaft zu landen. In „Inside Language“; „Linguistic Convergence“ und „The Power of the Name“, den nächsten drei Kapiteln, zeigt Gee Ähnlichkeiten und vergleichbare Probleme von Biologie/Genetik und Sprachwissenschaft auf anhand der Kladistik (phylogenetische Systematik, nach Abstammung), der Konvergenz (Parallelentwicklung) und der Taxonomie (Systematik nach Eigenschaften). Als Beispiele dienen Gee u. a. Namen bei Tolkien und der Vergleich von Tolkiens Stil mit dem der Bibel, außerdem zeigt er Tolkiens Einfluss auf die Namensgebung in der Zoologie. So gibt es die Haigattung Gollum, die Wespengattung Gwaihiria und die Käferart Pericompsus bilbo – und auch fikionale Wesen, wie den von Gee erfundenen in Alaska lebenden Tyrannosaurus helcaraxae.

Ausgehend von der bekannten Tatsache, dass Mittelerde unsere Welt zu einer anderen Zeit ist und daher in ihr die bekannten Naturgesetze und Regeln gelten, zeigt Gee in den folgenden Kapiteln, wie manches in Mittelerde funktionieren könnte. Nach einem kurzen Schlenker über „Holes in the Ground“ widmet er sich ausführlich verschiedenen Lebewesen. Thesen zur Entstehung und Biologie der Orks präsentiert Gee in den leider schwachen Kapiteln „Inventing the Orcs“ und „Armies of Darkness“. Teilweise orientiert sich Gee eher an Jacksons Verfilmung als an Tolkiens Werken, er berücksichtigt nicht alle Aussagen Tolkien zur Fortpflanzung der Orks, und seine Aussagen über Genetik, Evolution und Ethik sind teils an den Haaren herbeigezogen – bis hin zur lächerlichen Vermutung, „that all Orcs were biological females even if they appeared to be male“ (72)!

Gees Erläuterungen zur Biologie in „The Last March of the Ents“ und „O for the Wings of a Balrog” (Balrogs und die Reittiere der Nazgúl werden mit Pterodaktylen verglichen) sind interessant und schlüssig, das Kapitel „Six Wheels on my Dragon“ hingegen ist leider zu kurz und erklärt zu wenig. In „The Eyes of Legolas Greenleaf“ erläutert Gee ausführlich, wie Sehen und das Auge funktionieren, kommt aber zu etwas seltsamen Schlüssen bzgl. der Elben. In „Of Mithril“ und „The Laboratory of Feanor“geht es um Materialien und Technologie der Elben und Zwerge, „The Gates of Minas Tirith” ist ein wunderschöner leicht melancholischer Essay über Evolution, Entwicklung und Verlusterfahrung (mit leider kleinen sachlichen Fehlern). „The Lives of the Elves“ beinhaltet schöne Ideen zur Langlebigkeit der Elben und eine wirklich amüsante These: Die Langlebigkeit entstehe durch eine Art modernes »Anti-Aging« (Diät u. ä.) – Elrond wird danach zum Elben dank geänderter Ernährungsgewohnheiten und weniger Schlaf (168 f.)!

In „Giant Spiders and ,Mammoth’ Oliphaunts“ läuft Gee, wenn er die biologischen Probleme großer Tiere erklärt, ebenso zur Hochform auf wie in seinen Ausführungen zur elbischen Magie in „Indistinguishable from Magic“. „In the Matter of Roots“ geht es darum, wieso es in Mittelerde Tabak, Tomaten und Kartoffeln geben kann. Im vorletzten Kapitel spekuliert Gee über die Natur und Macht von „The One Ring“, um zuzugeben, dass hier unsere Wissenschaft versage – und dieses Verhältnis von „Science and Fantasy“ wird abschließend erörtert. Insgesamt ist dies ein wirklich unterhaltsames und lehrreiches Werk. Nicht alles ist gleich gelungen, einige Spekulationen sind eher gewagt – aber wer sich aus einem naturwissenschaftlichen Blickwinkel mit Tolkiens Werk beschäftigen will und offen ist für neue und unkonventionelle Ideen, sollte das Buch lesen.

veröffentlicht in: Thomas Fornet-Ponse et. al.:
Hither Shore Band 3: »Die Entstehung einer Mythologie – History of Middle-earth«

Das Jahrbuch 2006 der Deutschen Tolkien Gesellschaft e.V.
Scriptorium Oxoniae, Düsseldorf, 2007

Wie ich meine Rolle als Kritiker sehe: Schön oder gut? – Gedanken zur Kunstkritik (Essay)
(Saarländisches Kultur-Journal 5/1995)