MAGIE und ZAUBEREI

Auszüge gelesen (MP3, 12:45, 5,1 MB) für die Radiosendung vom 11.04.2011 im Bermudafunk

Im allgemeinen Sprachgebrauch werden im Deutschen die Begriffe Magie, Zauberei und Hexerei in der Regel gleichgesetzt. Im wissenschaftlichen Sinne gibt es aber Unterschiede. Als Magie (abgeleitet von Magier) im weitesten Sinne werden allgemein alle Praktiken bezeichnet, die dazu dienen, den Verlauf von Ereignissen auf »übernatürliche« Weise zu beeinflussen.

Eine interessante kurze grundlegende Betrachtung und Einschätzung der Magie liefert Claudia Knepper (»Magie«. in: EZW-Materialdienst 9/11, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, September 2011 – Berlin 2011, S. 354-358):

»Magie kann verstanden werden als ein ritualisierter und instrumenteller Zugriff auf übernatürliche Kräfte, die bestimmten Gegenständen oder Handlungen zugeschrieben werden. Zu offiziellen oder individuellen Zwecken der Schadensabwehr, Schadensstiftung, Unheilvermeidung oder Wunschverwirklichung werden Mittel oder Handlungen eingesetzt, von denen man sich eine entsprechende Wirkung erwartet. Das Ausüben magischer Praktiken setzt überlieferte Kenntnisse und besondere Fäöhigkeiten voraus, über die in der Regel nur Eingeweihte verfügen. (S. 354)«

Das Wort Magier kommt vom altiranischen maga (Opfergabe, Opferdienst); Herodot bezeichnete so Angehörige einer Sippe des medischen Volkes mit priesterlichen Funktionen und großem politischen Einfluss. Zu ihren Praktiken zählten Astrologie, Dämonologie und Magie, sie galten als Stern- und Traumdeuter sowie Wahrsager. Sie waren Anhänger des persischen Propheten Zarathustra (auch Zoroaster, um 630 bis 550 v. Chr.) und dadurch stets auch in den Kampf zwischen Gut und Böse verstrickt. Denn Zarathustra lehrte einen Dualismus zwischen Angra Mainju, dem bösen Gott, und Ahura Mazda (»Gott Weisheit«), dem guten Gott. Wahrheit und Lüge durchdringen als Gegenpole das ganze Universum. Alles Gute ist ein Ausfluss von Ahura Mazda und wird verkörpert durch die schöpferische Kraft Spenta Mainyu, den »Heiligen Geist« oder »Erhöhenden Geist«. Alles Böse beruht auf dem Angra Mainyu, dem »bösen Geist« auch Ahriman genannt. Die Menschen müssen sich zwischen Gut und Böse entscheiden. Diese ethisch und dualistisch geprägte Religion wirkte auf zahlreiche Philosophen und Religionen ein, bis hin zu Judentum und Christentum. Noch heute gibt es in Indien, Iran und Pakistan etwa 150.000 Anhänger dieser Religion (in Indien Parsismus genannt), ihre Priester könnten heute als die einzig »echten Magier« betrachtet werden.

Seit alters her unterscheidet man zwei Hauptformen der Magie: die weiße Magie und die schwarze Magie. Die weiße, die »gute«, ethisch nicht fragwürdige Magie will den Menschen nutzen, sie dient auch dazu, die Wirkungen der schwarzen Magie zu beheben und ihr entgegenzuwirken. Die schwarze, egoistische, machtorientierte Magie wird meist dazu verwendet, Lebewesen Schaden zuzufügen, zumindest aber dazu, ohne Rücksicht auf andere eigene Interessen durchzusetzen. In Antike und Mittelalter umfasste die schwarze Magie vor allem die Anrufung von Dämonen und anderen bösen Mächten, allgemein als Zauberei und Hexerei bezeichnet, die weiße Magie beschäftigte sich eher mit Alchemie, Astrologie und Kräuterkunde. Die Verfolgung der vermeintlichen schwarzen Magie fand einen traurigen Niederschlag in den Hexenverfolgungen.

In den Religionswissenschaften und in der Ethnologie werden Zauberei und Hexerei als zwei Spielarten der Magie meist klar unterschieden. Bei Zauberei handelt es sich immer um eine bewusste Aktivität, die mit bestimmten Ritualen und/oder Worten bzw. Anrufungen und/oder Substanzen verbunden ist, also magische Verfahren, in der Regel mit negativer Wertung und meist mit Hilfe böser (seltener guter) Mächte. Dies schließt die »Volksmagie« ein, auch »niedere Magie« genannt, und die Magie in betrügerischer Art, das Gaukelspiel. Das Wort Zauber wird abgeleitet vom althochdeutschen zoubar, einer Bezeichnung der roten Farbe, mit der die eingeritzten Runen bestrichen wurden. (Das englische Wort spell für Zauberspruch kommt übrigens vom angelsächsischen speld, Span, Splitter, das auch das Runentäfelchen bezeichnete.)

Hexerei hingegen wird bei den meisten Völkern als die angeborene oder ererbte Fähigkeit angesehen, durch übernatürliche Kräfte anderen Personen Schaden oder Nutzen zufügen zu können, wobei diese Fähigkeit auch unbewusst eingesetzt werden kann. In vielen Regionen Afrikas etwa unterscheidet man Hexen, denen ihre Fähigkeiten angeboren sind, von Zauberern, die sie durch oft blutige oder schamanistische Initiationen erwerben müssen. Zauberei ist also eher als der  »wissenschaftlichen« oder zumindest technologische Teil der Magie zu betrachten.

Hexen gibt es in fast allen Kulturen. Im Alten Testament wird die »Hexe von Endor« beschrieben, eine Hellseherin und Totenbeschwörerin, die den Geist des Königs Samuel aus der Unterwelt aufsteigen lässt (1. Samuel 28). Im 7. Jahrhundert machte eine Berberfürstin im Gebiet des heutigen Tunesien von sich reden, die als Hexe und Prophetin ihr Volk sechs Jahre lang im (vergeblichen) Kampf gegen die arabischen Eroberer führte: El Kahira (»die Zauberin«). Im europäischen Volksglauben gehen Hexen (selten Männer) einen Pakt mit dem Teufel ein. Erst im Spätmittelalter bildete sich die Hexenvorstellung heraus, die schließlich zu den grauen- und massenhaften Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit führte.  Der Begriff Hexe stammt vom althochdeutschen hagzissa und bedeutet ein sich in Hecken oder auf Zäunen aufhaltendes Wesen, er wird oft mit »Zaunreiterin« übersetzt.

Magische Praktiken kann man schon im Altertum in vier Bereiche einteilen. Die Sympathie- oder sympathetische Magie basiert auf symbolischer Darstellung und Wunscherfüllung. Gewünschte Wirkungen werden durch Imitation oder durch die Verwendung von Gegenständen erzielt, die mit einer Person oder einer Absicht in Verbindung gebracht werden. In manchen Regionen und Religionen glaubt man, einen Menschen verletzen zu können, wenn man eine Abbildung von ihm, etwa eine Wachspuppe, »verletzt«. Manche rituelle Formen der Anthropophagie (Menschenverzehr, auch Kannibalismus genannt) beruhen auf dem Glauben, dass man durch den Verzehr von Fleisch und/oder Blut Eigenschaften übernehmen kann. Als zweite wichtige Form der Magie gilt die Weissagung, die Divination. Die dritte Form ist das »Wunderwirken«, die Thaumaturgie. Hierzu zählen u.a. Alchemie und die allgemeinen Formen von Zauberei, auch das Brauen von Zaubertränken. Die vierte Form der Magie ist die Anrufung, die Advocatio oder Incantation, oder die Beschwörung: In Zaubersprüchen oder Formeln werden meist die Wirkungen benannt, die erreicht, oder die Namen jener Personen, Gegenstände oder übernatürlicher Wesen genannt, die betroffen sein oder gerufen werden sollen. Aus Babylon, Sumer und Ägypten sind uns Zaubersprüche, -formeln und -worte überliefert, aus dem Mittelalter kennen wir die zwei berühmten Merseburger Zaubersprüche.

Es gibt noch andere Arten, magische Praktiken zu unterteilen, z. B. göttliche von menschlicher und teuflischer Magie. Manche setzen magische Praktiken mit religiösen gleich, andere vergleichen sie in ihrem Anspruch, die Umwelt zu beherrschen und zu »manipulieren«, mit der Naturwissenschaft. Zahlreiche moderne Wissenschaften stammen schließlich aus Vorformen, die heute als magisch abqualifiziert werden, etwa die Physik und Chemie aus der Alchemie und die Astronomie aus der Astrologie. Beides sind uralte »Wissenschaften«.

Astrologische Systeme etwa wurden unabhängig voneinander in verschiedenen frühen Zivilisationen entwickelt, so etwa in Babylonien etwa um 3000 c. Chr., in China ab etwa 2000 v. Chr., in Indien oder bei den Maya. Etwa um 500 v. Chr. entstand bei den Griechen eine der modernen Astrologie ähnliche Vorstufe, an deren Entwicklung Pythagoras und Platon beteiligt waren. In Europa wurde die Astrologie bis in die frühe Neuzeit praktiziert, auch wenn die Kirche sie immer wieder verbot. Bis ins 16. Jahrhundert galten Astrologie und Astronomie als ergänzende Wissenschaften, auch Kopernikus oder Galilei betrieben sie zeitweise.

Den Ursprung der Alchemie vermuten manche im alten Ägypten, wo man bereits 3000 v. Chr. Gold aus der Erde gewann; sie leiten das Wort vom ägyptischen khem (»schwarz«) ab, das auch für den nährenden Nilschlamm benutzt wurde. Andere vermuten als Wortstamm das griechische chyma (Metallguss). Spätestens im Mittelalter wurde auf jeden Fall die Alchemie/Alchimie zur geheimen »Schwarze Kunst«, die sich noch lange neben der Naturwissenschaft behaupten konnte. Die Verwandlung unedler Metalle in Gold (Transmutation) und die Suche nach der Unsterblichkeit – von Leib und/oder Seele – galten als ihre edelsten Ziele. Aber auch mit der »einfachen« Verjüngung oder der Erschaffung eines künstlichen Menschen gab man sich zufrieden. Noch Paracelsus behauptete, er könne einen Menschen künstlich erzeugen. Zu den wichtigsten Werkzeugen und Zielen zugleich in der Alchemie gehörten der Stein der Weisen und das Elixier des Lebens.

Seit Albertus Magnus (1200 – 1280) und sein Schüler Thomas von Aquino (1225 oder 1226 bis 1274) eine umfassende Theorie entwickelt hatten vom Vertrag zwischen dem Satan bzw. einem Dämon und einem Menschen, von einer Gegenwelt des Teufels und seiner menschlichen Verbündeten, die es zu bekämpfen gelte, konnte jede magische oder auch nur als abergläubisch bewertete Handlung als Teufelsdienst verfolgt und als Ketzerei bestraft werden. Bereits 1225 kam der »Sachsenspiegel« den kirchlichen Forderungen nach harter Bestrafung von zauberischen Delikten nach und sah für Zauberei und Ketzerei den Feuertod vor. Den Höhepunkt der Verfolgungen bildeten dann die Hexenverfolgungen in der frühen Neuzeit (nicht im gar nicht so dunklen Mittelalter, wie häufig angenommen wird). Doch auch in der Neuzeit waren Aberglaube und Magie verbreite, wobei es natürlich schwer ist, zu definieren, was Aberglaube ist. Vieles, was früher als Lehrmeinung oder herrschender Glaube, ja sogar als anerkanntes Wissen galt, wird später als Aberglaube betrachtet, dies ist heute nicht anders, man denke an Alchemie, Okkultismus oder Spiritismus. Manche magischen Praktiken sind allerdings heute auch in unserer Zivilisation verbreitet, wie Astrologie, Nummerologie oder Weissagung. Auch eine umgekehrte Bewegung ist zu beobachten, die zunehmende Anerkennung nicht (natur-)wissenschaftlicher Praktiken, etwa in der Esoterik- oder New-Age-Bewegung, in der alternativen Medizin, im Glauben an Schutzengel, Dämonen oder den Teufel. An den glaubt allerdings auch der Papst ...

Da Magie im weitesten Sinne alle Praktiken bezeichnet, die dazu dienen, den Verlauf von Ereignissen auf übernatürliche Weise zu beeinflussen, kommt es bei der Frage, ob etwas als Wissenschaft oder als Magie bezeichnet wird, darauf an, wieweit man die Mechanismen und Zusammenhänge der Welt als natürlich oder nicht (aner)kennt. Der berühmte Schriftsteller und Wissenschaftler Sir Arthur C. Clarke, Autor von »2001: Odyssee im Weltraum« (er kam auf die Idee, geostationäre Satelliten zur technischen Kommunikation zu nutzen), formulierte 1962 dazu Clarkes Drittes Gesetz:

»Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«

»Jede weit genug entwickelte Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden« (Profile der Zukunft. Über die Grenzen des Möglichen,  München 1984, S. 37). Der Autor und Biochemie-Professor Isaac Asimov geht noch weiter: »Arthur Clarke sagte in einem seiner bemerkenswerten und häufig zitierten Kommentare, daß Technologie, wenn sie nur hoch genug entwickelt ist, sich nicht von Magie unterscheiden ließe. Damit hat er ganz offensichtlich recht« und ist nach einigen Gedankenspielereien überzeugt, damit habe er »gezeigt, daß man Magie unter Umständen nicht von ausreichend hoch entwickelter Technologie unterscheiden kann.« Asimov kommt dann zum Schluss, dass »man Clarkes Frage umkehren kann: Läßt sich Magie notwendigerweise nicht von weit genug entwickelter Technologie unterscheiden?«, um diese dann positiv zu beantworten (Issac Asimov’s Zauberland, Bergisch Gladbach 1997, S. 207). Ergänzend sei darauf hingewiesen, dass auch Claudia Knepper dies aktuell betont: »In der jüngeren Forschung zur Magie besteht weitgehend Einigkeit, dass nicht so einfach zwischen Magie und Religion unterschieden werden kann, ebenso wenig, wie Magie und Wissenschaft sich klar voneinander abgrenzen lassen.« (aao, S. 355)

Egal ob Wissenschaft oder Magie, natürlich wurden und werden alle ihre Formen stets missbraucht und häufig bewusst manipulativ eingesetzt.

Sowohl die Welt von John Ronald Reuel Tolkien wie die Welt des Harry Potter sind ohne Magie und Zauberei nicht vorstellbar und durch diese wesentlich geprägt (die Autorin von Harry Potter, Joanne K. Rowling, glaubt übrigens nicht an Magie!). Deshalb wurden in meinen Lexikon »Das ABC rund um Harry Potter« und werden in meinem Buch »Das große Tolkien-Lexikon« umfangreiche Hintergrundinformationen geliefert zu Alchemie, Hexerei, Magie, Voodoo, Zauberei und vielen damit verbundenen Themen. Im Harry-Potter-Lexikon wurden z. B. alle Zaubersprüche und Zaubertränke aus den ersten vier Bänden vorgestellt, die Hexen und Zauberer, die zauberkräftigen Gegenstände (wie Zauberstäbe und Zauberbücher), die Zaubertiere und Zauberpflanzen.

Ergänzend empfiehlt sich mein Buch »Das Lexikon von Himmel und Hölle«, in dem ich viele weitere Formen der Magie und zahlreiche Mythologien behandele.

Wordpatenschaft für das Wort »MTHOLOGIE«

Ausführlichere Artikel von mir zum Thema:

Zauberspruch und Zauberstab. Grundlagen der Magie in der Welt von Harry Potter (Elbenwald-Megalog 2006).

Wissen und Verantwortung in Literatur (in besonderer Weise bei Dürrenmatt und Ibsen) und in Sachtexten
in: Lern-Bögen Deutsch 2011 (Wissensspeicher, S. 40 – 54). Brinkmann.Meyhöfer, Hannover 2011 – sowie ergänzende Texte

Druckfassung (PDF, 661 KB) Druckfassung in Auszügen (und ergänzt) gelesen (MP3, 33:56, 13,6 MB)Sendung dazu mit (weniger) Auszügen im Bermudafunk, 11.04.2011: MP3, 33:59, 13,6 MB) · Auszüge zur Magie (MP3, 12:45, 5,1 MB), gelesen für die Radiosendung vom 11.04.2011 im Bermudafunk (ergänzt)

»Was ist Magie und wie funktioniert sie?«
in: Schneidewind, Friedhelm
: Mein Mittelerde. Artikel und Essays zu Tolkien und seinem Werk – Essen 2011

Zurück zur STARTSEITE
Alle Illustrationen und Titelbilder:
Ulrike Schneidewind
Alle Rechte, Gestaltung und Betreuung der Internet-Seite:
Friedhelm Schneidewind
Schlossgasse 51 · 69502 Hemsbach
Telefon 06201 4709292 · Fax 06201 4709293
E-Mail: eule@incantatio.de
Mail an den Autor